Indien - Tödliche Fake News

Aktualisiert: 16. Aug 2018

“It’s a safe area, the only thing that is troubling us at the moment is the series of child kidnapping. There are gangs roaming around the neighbourhood abducting young children”. “Es ist ein sicherer Ort, das einzige was uns momentan Sorgen macht sind die Serien an Kindesentführungen. Es gibt Gangs, die durch die Nachbarschaft schleichen und kleine Kinder entführen”, meint unsere Gastgeberin in Kochi, Kerala, während sie mir einen Mangolassi in die Hand drückt.



Marari Beach kurz vor dem Monsoon

Diese Neuigkeiten überraschen mich nicht. Ich hab ein paar Stunden zuvor im Flugzeug einen Artikel zu diesem Thema gelesen. Laut des Zeitungsberichtes kursieren in verschiedenen Teilen Indiens via WhatsApp Fake News bezüglich ominöser Gangs, die in den Dörfern Kinder entführen. Ein solcher Fall von verbreiteter Falschinformation hat dazu geführt, dass ein unschuldiger Strassenbettler im Nordosten Indiens verdächtigt wurde und mittels Selbstjustiz von einem Mob aus verängstigen Zivilisten erhängt wurde. Und nun sitze ich ein paar Stunden später gefühlt mitten in den News, denn unsere Gastgeberin nennt uns als Quellenangabe für die Kidnappingserie eine Socialmedia-Plattform.

Der Süden Indiens ist entwickelter als der Norden. 90 % der Menschen im Süden können lesen und schreiben. Es gibt in Kerala auch die “Pink Police”. Eine kürzlich ins Leben gerufene Polizeieinheit, die sich ausschließlich um die Sicherheit von Frauen kümmert. Angesichts dieser Fortschritte ist es umso erstaunlicher, dass unsere Gastgeber von der Richtigkeit des Berichts überzeugt sind:


“It must be true. I saw this Video on Facebook”. Mein Superhost zeigt mir einen Videoeintrag auf einem Facebook-Profil. Der junge Mann im Video spricht aus dem Off über die Kidnappingserie und dazu sind Fotos von Lastwagencontainern und Kinderleichen zu sehen. Obwohl Menschen- und Organhandel sowie Kindesentführungen natürlich ein reales Problem sind, hätten die Bilder von überall auf der Welt sein können. Der Bericht war weder fundiert noch journalistisch aufgearbeitet. Halt ein Facebook-Eintrag von irgendjemandem.


Die Smartphones in Indien sind drecksbillig und die SIM-Karten gibt es umsonst. Selbst in den Slums in Mumbai habe ich junge Leute gesehen, die am Strassenrand sitzen und im Netz surfen. Alte Welt trifft auf moderne Technologie. Einige können die Informationen nicht richtig einordnen, hinterfragen weder die Quelle noch das Gelesene kritisch.


Skyline in Mumbai

Aber wie ist es mit mir? Lese ich kritisch genug? Sind meine Quellen neutral?


Keiner in meinem Umfeld würde Facebook, Instagram, etc. als ernstzunehmende Nachrichtenquelle in Betracht ziehen und trotzdem finden viele politische Diskussionen über diese Plattformen statt. Und ich habe oft das Gefühl, dass es eher darum geht, die eigene Meinung zu verbreiten, als die Welt in ihrer Komplexität verstehen zu wollen. Selten will jemand die Zusammenhänge begreifen und herausfinden, wo der Kern eines Problems liegt. Oft wird nur der Titel eines Posts gelesen und schon meldet sich der selbsternannte Experte mit Dreiviertelwissen zu Wort.


Ich versuche verschiedene Online-Zeitungen zu lesen, um mir durch verschiedene Quellen ein hoffentlich realistisches Bild von einer Situation machen zu können. Eventuell lohnt sich auch ein kostenpflichtiges Abo. Gerade jetzt, wo sich in fast ganz Europa wieder eine unheimliche Rechtstendenz breit macht, brauchen wir vertrauenswürdige Informationsquellen. Unabhängige Zeitungen, die uns gut recherchierte Artikel liefern. Die ein Thema von allen Seiten beleuchten und Zusammenhänge aufzeigen ohne reißerisch zu sein. Und vielleicht müssten unsere Schulen auf die digitale Revolution reagieren, indem der Umgang mit den neuen Medien noch stärker thematisiert und Fächer wie zum Beispiel “Kritisches Lesen” in den Unterricht aufgenommen werden.


Je besser ich informiert bin, desto bessere Entscheidungen kann ich treffen. Desto befreiter bin ich von angstgetriebenen, irrationalen Denkweisen. Desto empathischer kann ich sein und desto besser kann ich z.Bsp.die Agenda eines Politikers zwischen den Zeilen lesen.

“Everyone has the right to their own opinion, but not the right to their own facts“ (höchstwahrscheinlich Daniel P. Moynihan)


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